Smart Home Lösungen und Missverständnisse

Veröffentlicht von Lukas am

Wer früher oder später über den Umbau, Ausbau oder Neubau seines Zuhauses nachdenkt, kommt an Smart Home nicht vorbei. Dabei gibt es viele verschiedene Smart Home Lösungen, wovon einige auch bei der IFA 2023 präsentiert wurden. Unter anderem ging es dort viel um das Thema Matter.

An so mancher Zeitung ist das auch nicht spurlos vorüber gegangen, weshalb ich mal wieder die Gelegenheit hatte, mich über die eine oder andere Textpassage in einem Artikel zu ärgern. Denn Smart Home wird meiner Meinung nach an vielen Stellen missverstanden und in eine negative Ecke gedrückt, wo es gar nicht hingehört.

In diesem Artikel möchte ich also mit dir über Smart Home Lösungen sprechen, nochmal auf das eine oder andere Missverständnis zu sprechen kommen und diesem negativen Framing entgegenwirken, das leider immer noch so häufig auftritt.

Der ursprüngliche Artikel, der mich ein wenig in Rage versetzt hat, erschien bei der Welt. Genauer gesagt unter dem Titel So gelingt die Steuerung im vernetzten Haus am besten. Es ist an sich kein völlig katastrophaler Artikel. Dennoch gibt es ein paar Punkte, die mich etwas verzweifeln lassen. Die Kommentare zum Artikel mal außen vor.

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Smart Home kann mehr als nur bunt leuchten

Matter als Wunderbringer

Im Artikel wird der neue Standard Matter schon etwas durch den Kakao gezogen. Was mitunter daran liegt, dass die Entwicklung zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht das Stadium erreicht hat, was man sich von einem Standard im Smart Home wünscht. Das ist soweit auch richtig und deckt sich mit meinen Erkenntnissen von der IFA sowie aus Recherchen. Doch ist das zum jetzigen Zeitpunkt wirklich ein großes Problem?

Matter befindet sich im Anfangsstadium. Wie jede Technologie kommt auch Matter nicht auf den Markt und ist komplett fertig. Der Umfang und die Komplexität der gesamten Projekts ist einfach zu groß um es innerhalb eines Jahres komplett fertigzustellen. Das macht es auch den Herstellern schwierig, sich an die aktuellen Umstände anzupassen. Damit wirkt sich der noch unfertige Standard Matter direkt auf die Produkte der Hersteller aus. Was nicht verwunderlich sein dürfte.

Bei der Betrachtung fällt jedoch auf, dass genau dieser Umstand gar nicht so richtig in die Bewertung einfließt. Es mag zwar richtig sein, dass es gefühlt momentan irgendwie ins Stocken geraten ist. Doch das bedeutet im Umkehrschluss ja nicht, dass da nichts mehr kommen wird. Für den Verbraucher fühlt es sich zäh und unausgereift an. Doch wenn ich mir all die Hersteller anschaue, die Matter auf ihre Banner geschrieben haben bekommt man schon das Gefühl, dass sich noch etwas bewegt.

Es mag sein, dass Matter bis jetzt nicht der Wunderbringer ist. Doch wie lange mussten wir uns bisher mit verschiedenen Dingen rumschlagen? Ich für meinen Teil warte lieber etwas länger und habe dafür etwas ausgereiftes, was auch funktioniert. Und an sich ist das für mich auch kein Kritikpunkt. Wer heute auf der Suche nach einer Smart Home Lösung ist, sollte sich meiner Meinung nach noch nicht zu sehr an Matter aufhängen. Ja, unterstützt werden sollte es. Aber es ist noch kein K.O.-Kriterium.

Erwartungen an Smart Home Lösungen

Weitaus kritischer als die Betrachtung von Matter sehe ich das Thema von Smart Home Lösungen. Im Artikel ist die Rede davon, dass an das kluge Heim andere Erwartungen gelten, als sie heute erfüllt werden. Und hier muss man ganz klar widersprechen, da die Analyse zwar auf der einen Seite richtig ist, gleichzeitig aber zu wenig in die Tiefe geht.

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Hersteller konzentrieren sich in aller Regel auf bestimmte Szenarien für die breite Masse. Damit lässt sich einfach mehr Geld verdienen als mit ganz speziellen Anwendungsfällen. Auf der einen Seite ist das logisch, doch auf der anderen Seite bedeutet das eben nicht, dass man nicht mehr daraus machen kann.

Nehmen wir uns als Beispiel mein Smart Home mit ioBroker heraus. Ich würde behaupten, dass mindestens die Hälfte der Anwendungsfälle sehr spezifisch für meine Situation sind und sich nicht einfach auf ein anderes Smart Home übertragen lassen. Das zeigt aber gleichzeitig auch, dass Systeme wie ioBroker, OpenHAB oder Home Assistant ein Teil der Smart Home Lösungen sind. Und zwar ein sehr wichtiger Teil.

Diese Anwendungen helfen dir dabei, ein Gesamtkonzept für dein Smart Home zu erstellen. Es setzt im Grunde genau da an, wo andere Smart Home Lösungen längst ihre Grenzen erreicht haben. Verschiedene Geräte und Zentralen werden in einem System zusammengefasst, wodurch sich fast grenzenlose Möglichkeiten zur Automatisierung ergeben. Klar, das ist nicht die Herstellerlösung. Doch muss es immer eine Lösung von der Stange sein?

Ein kleines Beispiel. Wer ein Haus baut, geht ja nicht in einen Online-Katalog und bestellt sich das Produkt A vom Hersteller XY, das genauso ist wie 50.000 weitere Häuser in Deutschland. Es wird viel geplant, individuell besprochen und es werden Anpassungen vorgenommen. Und warum? Weil das Haus eine maßgeschneiderte Lösung für die Personen ist, die es bauen (lassen).

Warum also sollten Smart Home Lösungen von der Stange kommen und zu jedem perfekt passen? Die Illusion, dass ich einfach Produkte einkaufe und sie ideal für mich sind, ist einfach zu weit verbreitet.

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Die Erwartungshaltung: Jedes Produkt muss sofort perfekt funktionieren – so auch dieses

Die Support-Falle

Nachdem also nun klar ist, dass ein Smart Home etwas Individuelles ist, führt das direkt zum Thema Support. Natürlich bieten die Hersteller einen Support an und unterstützen bei Problemen in der Nutzung. Doch wo fängt der Support an? Und vor allem: Wo endet er?

Wenn ich ein Produkt vom Hersteller XY mit einer anderen Zentrale verwende als vorgesehen, so wird es für den Hersteller schwierig einen Support zu leisten. Denn hier greifen dann wieder individuelle Voraussetzungen, in die man sich gegebenenfalls hinein denken muss. Dazu kommt noch, dass die Hersteller eben nur den Support für ihre Geräte leisten. Im Umkehrschluss hat das zur Folge, dass ich in meinem Smart Home einen Support für ioBroker und für Gerät XY bräuchte, die miteinander an einer Lösung arbeiten.

Sowas gibt es in der Praxis aber nicht, da es sich hierbei wiederum um eine individuelle Serviceleistung handelt. Darüber hinaus können die Hersteller auch gar keine Garantien für andere Produkte oder Szenarien übernehmen, die nicht von ihnen vorgesehen sind. Gerade im Bereich Smart Home würden so die Möglichkeiten nämlich bis ins unermessliche steigen.

Und was passiert dann eigentlich mit denjenigen, die eine Leuchte an einer fremden Zentrale anmelden? Wer ist hier für den Support zuständig? Genau das greift im Artikel viel zu kurz. Stattdessen wird oberflächlich beschrieben, dass es einfach nur technische Dokumentationen sind, bei denen sich Experten auch schwer tun.

Aber hat man es hier nicht auch mit Technik zutun?

Alles aus einer Hand – Missverständnis!

Eine potenzielle Lösung des Autors für die vielen Probleme im Smart Home ist, dass möglichst viel aus einem Unternehmen kommen sollte. Warum immer nur zwei Hersteller dabei aufgezählt werden, ist mir dabei ein Rätsel.

Das Problem bei Lösungen von einem einzigen Unternehmen ist jedoch, dass man sich dadurch im gesamten Haus sehr abhängig macht. Darüber hinaus bietet nicht jeder Hersteller den vollen Funktionsumfang, der für das eigene Zuhause notwendig ist. So bietet zum Beispiel Philips keine Alarmanlage an, während sich die Beleuchtung dieser Art jedoch durchsetzen konnte. Das zeigt schon ganz schön, dass im Smart Home je nach Bedarf entschieden werden muss, welche Smart Home Lösungen zum Einsatz kommen.

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Nur weil Hersteller XY so viele Produkte im Sortiment hat bedeutet das nicht, dass dieser Hersteller automatisch die einzige Lösung daheim sein muss. Hier kommt nämlich wieder ein System wie ioBroker ins Spiel, was die Brücke zwischen den verschiedenen Geräten bildet.

Ich in meinem Smart Home schaue zum Beispiel zuerst darauf, ob ich ein Produkt mit meinem Smart Home System kombinieren kann. Die Automatisierung kann ich nämlich dann darauf ausführen, so dass die Geräte eigentlich nur zur Ausführung oder Übermittlung von Befehlen dienen. Mir ist es nicht wichtig, dass ich die Beleuchtung direkt mit den Sensoren verbinden kann. Ich weiß einfach, dass es über mein zentrales System möglich ist und ich mir deshalb um solche Dinge keine Gedanken machen muss.

Dabei ist es sogar völlig irrelevant, ob die Lampen per Zigbee und die Sensoren per WLAN funktionieren. Die Daten landen sowieso alle in der gleichen Zentrale. Also dem Dreh- und Angelpunkt des Smart Homes.

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Das Smart Home ist immer eine individuelle Lösung

Vorsicht vor Widersprüchen

Besonders heikel ist die Auswahl eines einzigen Herstellers in Kombination mit dem Argument, dass Geräte per Update Funktionen verlieren oder abgeschaltet werden können. Verschwindet ein ganzer Hersteller vom Markt, so würde das nämlich im genannten Szenario das ganze Smart Home betreffen.

Hier haben viele Anwender die Nase vorn, wenn sie ein eigenes System zur gemeinsamen Vernetzung nutzen. Nehmen wir an, dass die Philips-Produkte von heute auf Morgen abgeschaltet werden würden. Die Konsequenz daraus wäre, dass ich in meinem Smart Home die Beleuchtung nicht mehr steuern und nutzen kann. Gleichzeitig wäre aber noch die Alarmanlage in Betrieb und auch die Rauchmelder würden noch funktionieren.

Käme hingegen alles von einem einzigen Hersteller, so wäre das gesamte Smart Home tot. Und im Ernstfall bedeutet das, dass der Austausch aller Komponenten wahnsinnig teuer werden würde. Will man dieses Risiko wirklich eingehen? Nur damit man alles in einer einzigen Hersteller-App steuern kann? Ich persönlich halte das Risiko für viel zu groß.

Das Smart Home ist eine Insel

Realistisch betrachtet kann man bei einem Smart Home von Insellösungen sprechen. Jeder Hersteller liefert für einen spezifischen Bereich die passenden Produkte und die werden untereinander vernetzt. Ein Zuhause wird nie aus nur einem Hersteller bestehen können. Der müsste nämlich alle Bereiche des Lebens in diesem Umfang abdecken, dass es für alle Menschen passt.

Matter ist auch ein Zeichen dafür, dass Insellösungen die Zukunft sind. Denn während es einen gemeinsamen Standard gibt über den alle sprechen, liefern die Hersteller Produkte aus ihrem spezifischen Bereich. Matter ist also nicht nur ein Standard, sondern auch ein Zeichen dafür, dass es niemals einen einzigen Hersteller geben kann, der alles tut. Andernfalls wäre dieser Standard ja wohl kaum notwendig.

Wir müssen uns also insgesamt vom Gedanken lösen, dass Smart Home Lösungen für alle von der Stange kommen können. Genauso müssen wir uns davon lösen, dass es einen einzigen Hersteller gibt, der alles perfekt macht. Auch im Bereich KNX – was sich bewährt hat – gibt es verschiedene Hersteller, die allesamt den gleichen Standard nutzen. So können mehrere Hersteller friedlich parallel existieren und der Kunde wählt die Lösungen für sein Zuhause aus, die er braucht.

Nach inzwischen 8 Jahren Smart Home kann ich jedenfalls behaupten, dass die Insellösungen für mich die beste Möglichkeit sind, um mein Zuhause nach meinen Wünschen auszubauen. Diesen Funktionsumfang kann mir bislang kein Hersteller alleine liefern.

Und warum?

Weil das Smart Home so individuell ist, wie das Leben von jedem Menschen auf diesem Planeten.


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Lukas

Als Softwareentwickler und Projektmanager mit einem Master of Science in Wirtschaftsinformatik weiß ich genau, wie die Dinge in der IT zu funktionieren haben. In meinem Blog kombiniere ich seit mehr als 7 Jahren mein Wissen mit meiner Neugier im Bereich Smart Home. Transparenz und Praxisnähe stehen für mich dabei im Vordergrund. Mein Fokus liegt vor allem auf der Software ioBroker, da ich mein eigenes Smart Home damit betreibe. Meine Beiträge basieren somit nicht nur auf theoretischem Know-how, sondern auch auf praktischen Erfahrungen aus meinem vernetzten Zuhause. Mein persönliches Ziel ist es, dir Einblicke in das Smart Home zu geben, die dich wirklich voranbringen.

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