Dass die Bevölkerung trotz all der rosigen Zukunftsprognosen noch zurückhaltend ist, führt die Verbraucherstudie auf die verbreitete Angst zurück, dass Daten in fremde Hände gelangen könnten. (Quelle: Handwerk-Magazin, Vernetzungsängste – Hat Smart Home ein Sicherheitsproblem?)

 

Im letzten Jahr habe ich einen Beitrag im Handelsblatt kommentiert und vor allem kritisiert. Dabei ging es um viele Aussagen im Bezug auf Smart Home, die ich so nicht stehen lassen konnte.

Auch heute möchte ich einen Artikel aufgreifen, der so nicht ganz dem entspricht, was ich persönlich denke. Es handelt sich also hierbei um meine persönliche Meinung, der man entweder zustimmen oder widersprechen kann. Logisch. Eine offene Diskussion halte ich dennoch für enorm wichtig.

Das Zitat zu Beginn stammt vom Handwerk-Magazin und gehört in den oben genannten Artikel. Dieser dreht sich rund um das Thema Smart Home. Doch einige Dinge im Artikel missfallen mir und ich habe mich mal auf Spurensuche begeben und möchte in diesem Beitrag ein paar Dinge anmerken.

 

Smart Home hat ein Mehrwertsproblem

 

Die Befragung der Menschen

 

Das Handwerk-Magazin stützt sich auf eine Umfrage der Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. aus dem Jahr 2018 (!)

2018 !

Mit dieser Umfrage wurde nun im Jahr 2020, genauer gesagt am 03.06.2020, ein Artikel veröffentlicht. Lasst das doch bitte mal kurz einen Moment sacken.

Zu dieser Studie wird nun behauptet, dass die Verbraucherstudie die Zurückhaltung gegenüber Smart Home auf den Umstand zurückführt, dass man Angst vor Daten in fremden Händen hat. Falsch ist die Tatsache sicherlich nicht unbedingt, doch wieso führt man diesen Grund fast zwei Jahre später als Hauptargument für die Zurückhaltung an? In der Zwischenzeit hat sich mit Sicherheit einiges verändert. Und man sollte bei einem aktuellen Artikel zumindest anführen, dass dieser Grund aus einem anderen Jahr stammt. Denn der Anklang für Smart Home, insbesondere smart gesteuerte Lampen, wird immer größer.

Nun ist es auch so, dass die Befragung diesen Grund gar nicht an erster Stelle aufführt. Mysteriös. Der Hauptgrund laut Befragung für die Zurückhaltung ist, dass die Menschen keinen Mehrwert in Smart Home sehen.

Zum Vergleich:

Die Angst vor den Daten in fremden Händen erreicht 49 Prozent, während der fehlende Mehrwert 64 Prozent ausmacht. Das ist eine Differenz von 15 Prozent. 15 Prozent entsprechend bei der Anzahl der Befragten (1.048 Personen) übrigens 157,2 Personen.

Insgesamt sehen also 670,72 Personen keinen Mehrwert in Smart Home, während 513,52 Personen Angst vor den Daten in fremden Händen haben.

Na hoffentlich haben sie diese Angst nicht auf Facebook geteilt …

 

Das Spiel mit der künstlichen Intelligenz

 

Mehr noch: Über Künstliche Intelligenz lernen die Systeme vom Verhalten der Bewohner und können sich selbstständig herunterfahren, wenn gerade keiner im Haus ist […] (Quelle: Handwerk-Magazin, Vernetzungsängste – Hat Smart Home ein Sicherheitsproblem?)

 

Auch die künstliche Intelligenz im Smart Home habe ich mir schon etwas genauer vorgenommen und habe festgestellt: im Grunde gibt es sie nicht. Das was meist gemeint wird, ist oft als schwache künstliche Intelligenz betitelt und bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass einfache Wenn-Dann-Bedingungen ausgeführt werden.

Wer in meinen Augen heute von künstlicher Intelligenz im Smart Home spricht, muss dafür Belege liefern. Denn es gibt sie einfach noch nicht. Mir ist keine Intelligenz bekannt, die automatisch das Verhalten der Bewohner lernt und dementsprechend das Haus steuert. Und glaub mir, würde es sowas geben, hätte ich mir das längst angesehen!

Wenn man also nun eine künstliche Intelligenz mit einfachen Regeln gleichsetzt, täuscht man Verbraucher und vermittelt ihnen einen falschen Eindruck. Das ist nicht in Ordnung.

 

Die Vereinheitlichung der Systeme

 

Auch ich kritisiere oft, dass Hersteller sich nicht auf einen Standard festlegen können und ihren eigenen Standard durchsetzen wollen. Auf Dauer funktioniert das nicht. Doch im Beitrag entsteht ein falsches Bild.

 

„Es fehlt nach wie vor die einfache Möglichkeit alle Funktionen in einem System integrieren und dabei erweiterbar zu halten“, sagt Morgenstern. (Quelle: Handwerk-Magazin, Vernetzungsängste – Hat Smart Home ein Sicherheitsproblem?)

 

Lassen wir mal den Aspekt der Einfachheit aus dem Spiel stellen wir fest, dass es diese Möglichkeit doch gibt! Gerade das freie System OpenHAB (aber auch FHEM und Co.) sind das beste Beispiel hierfür. Diese Systeme setzen sich in der Hierarchie ganz nach oben und bündeln Funktionen, damit Geräte in Abhängigkeit voneinander gesteuert werden können.

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Beziehen wir den Aspekt der Einfachheit mit ein, so kann man immer noch hinterfragen, was denn einfach überhaupt bedeuten soll. Und wenn es doch eine künstliche Intelligenz gibt, wieso kann man dann noch nicht alle Systeme integrieren? Gibt es diese etwa doch noch nicht?

Ich habe erst den Beitrag zum System von Mediola veröffentlicht, welche viele Komponenten miteinander vernetzen soll und dabei über eine grafische Oberfläche verfügt, die einem das Leben leichter macht. Wenn das nicht einfach bedeutet, was dann?

 

Die Angst vor dem Internet

 

Sollen jedoch Sprachassistenten – etwa Amazons Alexa – angeschlossen werden oder die Kamera auch übers Smartphone gesteuert werden, so gelingen diese erweiterte Funktion nur über das Internet. (Quelle: Handwerk-Magazin, Vernetzungsängste – Hat Smart Home ein Sicherheitsproblem?)

 

Auf den Aspekt mit den Sprachassistenten muss ich gar nicht eingehen. Hier liegt der Beitrag völlig richtig. Das liegt aber daran, dass Sprachassistenten bereits heute mit selbstlernenden Algorithmen arbeiten, die man lokal bei sich zuhause einfach nicht betreiben kann. Das Vorhaben ist derart rechenintensiv, dass ein normaler Haushalt diese Leistung gar nicht auftreiben kann. Und selbst wenn man es könnte, ist es dann noch nachhaltig? Wenn jeder Haushalt sein eigenes Rechenzentrum betreibt, dann kann ich mir das Argument des Sparens von Energie auch gleich in die Haare schmieren.

Anders sieht es jedoch beim Argument mit den Sicherheitskameras aus. Ich kenne kein System, welches ich lediglich über das Internet nutzen kann. Nahezu alle Sicherheitskameras lassen sich vollständig im eigenen Netzwerk betreiben.

Wer hingegen auf eine Vernetzung mit dem Smartphone besteht, der darf sich nicht wundern wenn es über das Internet geht. Wie sollen denn die Daten auch sonst unterwegs auf das eigene Smartphone gesendet werden? Per Post ist das jedenfalls nicht möglich und wäre auch nicht gerade komfortabel.

Man ärgert sich also über die Verbindung zum Internet, erwartet aber gleichzeitig, dass alle Inhalte jederzeit von allen Orten zur Verfügung stehen. Den Widerspruch bemerkst du hoffentlich selbst …

 

Sichere Rechenzentren

 

Während Bus-Systeme, die auf Kabel oder Funk basieren, lokal im Haus verankert sind und nach festen Wenn-Dann-Regeln basieren, fangen für den Smart Home-Experten die Probleme dann an, wenn IoT-Geräte wie Sprachassistenten sowie Entertainment- oder Beleuchtungsanlagen hinzukommen, die über ein Cloud-System funktionieren. Dort können die Daten leichter gehackt werden als wenn sie – wie im Fall von Kabel und Funk – in sicheren Rechenzentren hinterlegt sind. (Quelle: Handwerk-Magazin, Vernetzungsängste – Hat Smart Home ein Sicherheitsproblem?)

 

Jetzt mal bitte einen Moment. Bus-Systeme basieren auf Wenn-Dann-Regeln. Und all die anderen Systeme? Wie funktionieren denn smarte Beleuchtung und Co., wenn man sie nicht über Regeln automatisieren kann? Jedes System, welches selbstständig Aktionen ausführt, basiert auf einfachen Wenn-Dann-Regeln. Das ist keine besondere Eigenschaft von Bus-Systemen. Das Argument ist somit schlichtweg falsch.

Abgesehen davon wird hier von Bus-Systemen gesprochen, die lokal im Haus arbeiten. Doch gleich im nächsten Satz wird angeführt, dass die Daten in sicheren Rechenzentren liegen. In sicheren Rechenzentren bedeutet aber alles andere als lokal. Das Argument, dass die Bus-Systeme ohne Internet und ohne die Cloud auskommen, wird direkt im nächsten Satz wieder vernichtet. Die Aussage, dass Bus-Systeme damit so großartig sind, wird im Grunde sofort wieder zunichte gemacht. Was denn nun? Top oder Flop?

 

Eine Siedlung – tausende Standards?

 

„In einer Siedlung mit 5.000 Häusern findet sich selten dieselbe Technik zweimal.“ Das allein schütze vor seriellem Einbruch. (Quelle: Handwerk-Magazin, Vernetzungsängste – Hat Smart Home ein Sicherheitsproblem?)

 

Puh. Fangen wir doch mal mit der Frage an, wie viele Systeme für smarte Beleuchtung du kennst. Ich würde fast eine Wette abschließen, dass Philips Hue direkt unter den ersten drei genannten erscheint.

Wer sich nun also wirklich davon blenden lässt, dass eine Technik selten zweimal vorkommt in einer Siedlung von 5.000 Häusern, da weiß ich dann auch nicht mehr weiter. Auf dem Markt tummeln sich zwar unendlich viele Lösungen für jeden Bereich, doch ich wage zu behaupten, dass man in einzelnen Bereich selten derart viele Lösungen findet.

Wenn ich also in meinem Smart Home das Beleuchtungssystem von Philips Hue einsetze, dann kann ich mir quasi schon sicher sein, dass einer der Nachbarn das für seine smarte Beleuchtung auch tut.

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Und wenn wir nun mal größer denken, müsste ja in der Bundesrepublik Deutschland so viel unterschiedliche Technik zum Einsatz kommen, dass für fast jeden Haushalt etwas anderes erfunden werden müsste. Unrealistisch. Schlichtweg unrealistisch.

 

Die Rolle der Handwerker

 

Wer ein Smart Home bauen möchte, der braucht selbstverständlich auch Handwerker. Diese werden durch das Handwerk-Magazin stark in die Verantwortung einbezogen (welch ein Wunder).

Doch dabei sehe ich einige Argumente, die so in der Praxis gar nicht umsetzbar sind. Denn die Anforderungen gehen zum Teil schon sehr stark in die Richtung der Informatik. Und ein Handwerker ist nun mal kein Informatiker. Ganz einfach.

 

Prüfen Sie regelmäßig, ob Updates angeboten werden bzw. nutzen Sie die Funktion automati- scher Updates. Konfigurieren Sie die Update-Funktion stets so, dass Sie und/oder Ihr Kunde die Kontrolle behalten. (Quelle: Handwerk-Magazin, Vernetzungsängste – Hat Smart Home ein Sicherheitsproblem?)

 

Jetzt mal ganz ehrlich. Habe ich die Kontrolle, wenn mein System Updates automatisch installiert? Was ist denn, wenn in einem Update ein bekannter Fehler steckt und das System dieses Update dennoch installiert? In wiefern kann ich so noch die Kontrolle behalten? Das ist einfach so nicht möglich und widerspricht sich in meinen Augen völlig. Die Kontrolle behalte ich, wenn ich bestimmte wann was in meinem System passiert. Und der Handwerker mag sicherlich exzellent auf seinem Gebiet sein, doch woher soll er denn das Wissen über Updates schöpfen? Gerade wenn die Änderungen zum Teil in Fachsprache auf Englisch dokumentiert sind. Hier bräuchte es entweder eine zusätzliche Qualifikation oder eine weitere Ausbildung.

 

Klären Sie den Endkunden darüber auf, dass jedes Endgerät mit einer aktuellen Firewall und stets aktuellem Virenschutz versehen sein muss, sofern das technisch umzusetzen ist. (Quelle: Handwerk-Magazin, Vernetzungsängste – Hat Smart Home ein Sicherheitsproblem?)

 

Hände hoch, wer auf seinem iPhone eine Antiviren-Software installiert hat! Das iPhone ist eines der sichersten Smartphones und kommt völlig ohne Virenschutz aus. Selbstverständlich ist dennoch immer ein Risiko gegeben. Doch wenn selbst die NSA die Hilfe von Apple beim Entschlüsseln braucht, wieso sollte dann gerade ein Kunde von Smart Home eine Virensoftware benötigen? Abgesehen davon ist im Heimnetzwerk in erster Linie die Firewall des Routers wichtig. Eine aktuelle und sichere Firewall auf einem Smartphone würde all die smarten Geräte ohnehin überhaupt nicht schützen. Dazu müssten diese Geräte über das Smartphone nach außen funken. Tun sie aber nicht.

 

Geräte-Hardware sollte bei erkannter Gefahr (unberechtigter Fremdzugriff, Manipulation, Sabotage etc.) automatisch eine physikalische Trennung vom Internet vornehmen und ggf. das Gerät herunter- fahren. (Quelle: Handwerk-Magazin, Vernetzungsängste – Hat Smart Home ein Sicherheitsproblem?)

 

Das übersteigt die Fähigkeiten eines Heimnetzwerks bei weitem.

 

Fazit zum Artikel

 

Ich persönlich finde, dass der Artikel nicht grundlegend schlecht ist. Dennoch muss man auf die Details achten, die in meinen Augen oft nicht korrekt sind. Es sind zum Teil utopische Forderungen und falsche Interpretationen.

Ein Privathaushalt wird in den nächsten Jahren kein derartiges Schutzkonzept auffahren können, wie es Rechenzentren oder Unternehmen tun. Ich würde sogar fast behaupten, dass die Firmennetzwerke in vielen Fällen besser geschützt sind als viele Privatnetze.

Wer sich also von derartigen Artikeln Angst machen lässt, ohne sich selbst mit dem Thema zu beschäftigen, der dürfte auch sonst kein Internet nutzen. Wer auf Facebook seinen Standort postet, aber gleichzeitig Angst vor Datendiebstahl aus dem Smart Home hat, derjenige hat definitiv andere Probleme zu regeln.

Mein Rat ist daher, sich immer genau über Thematiken zu informieren. Gerade im Bereich der IT und Technik werden Begriffe umeinander geworfen, die derart böse klingen. Meist sind es allerdings nur Standardgefahren, denen wir alle jeden Tag ausgesetzt sind.

Sicherlich müssen wir im Hinblick auf die Zukunft genau schauen, dass wir uns nicht zu Opfern der Technik machen und sämtliche Daten einfach wahrlos durch die Gegend jagen. Doch man muss mit einem gesunden Menschenverstand an die Sache gehen und zuerst verstehen, wovon gesprochen wird bevor man sich ein Bild macht. Seine eigene Meinung kann man sich sehr leicht bilden, indem man einfach mal ein wenig Recherche betreibt. Denn Smart Home und die Technik bergen zwar Gefahren, doch das Auto fahren tut dies genauso. Und davor warnt auch niemand.


Lukas

Hi, mein Name ist Lukas. Seit 2016 blogge ich auf Hobbyblogging über unterschiedliche Themen des Alltags. Schwerpunkt dabei ist das Thema Smart Home, speziell mit der Open Source Software OpenHAB. Neben dem Bloggen absolviere ich derzeit mein Master-Studium im Fachbereich Wirtschaftsinformatik und arbeite als Werkstudent im Software Engineering.

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